Mittwoch, 19. September 2012

"Du siehst ja ganz normal aus!!!!"

So der Spruch heute morgen einen Mama, als ich meine Tochter in den Kindergarten brachte.

Mhm, etwas verunsichert und nach dem Einfangen meiner sprachlichen Fähigkeiten fragte ich:

"Ja, warum?"

Die Antwort regte mich zum Nachdenken an, sie machte mich stutzig und vor allem warf diese Antwort ein paar Fragen auf, um die ich mir noch nie so Gedanken gemacht hatte.

"Ich habe deine Seite gefunden und gehört du häkelst, strickst, nähst, machst so viele Handarbeiten die doch kein Mensch mehr macht, ich hatte dich gaaaaanz anders eingeschätzt, du siehst so jung, so spritzig aus!"

Verdattert meinte ich, sie würde später eine Antwort bekommen, wahrscheinlich auf meinem Blog nachzulesen. (ja, das fiel mir spontan ein)
Die Dame schaute dann völlig verdutzt drein und dieser eigentlich schon hysterische Ausdruck in ihren Augen brachte mich dann doch zum lächeln. Denn nachdem sie mir fragend nachrief: ach bloggen tuen sie...äh du, ehm also, wusste ich, das Nervenchaos dieser Dame für den heutigen Morgen war perfekt.

Ja, wie sieht man denn nun aus, wenn man handarbeitet, näht, wenn man all die Dinge macht, die das eigene Leben, das Leben vieler Mitmenschen bunt machen. Gibt es überhaupt ein entweder "nogo" oder ein "geht gar nicht" oder ein "so MUSS man", ein "naja, gucke dir mal diiiiie an,"

Stehen wirklich so viele tuschelnd, natürlich hinter vorgehaltener Hand, gucke mal, gucke dir DIE mal an, DIE sitzt abends auf der Couch und macht Handarbeiten, näht irgendwas?
Wie alt muss man überhaupt sein, um Handarbeiten zu machen? Darf man das überhaupt in oder ab einem gewissen Alter?
Auf dem Weg zu einem wichtigen Termin bereute ich es schon mit dem Auto gefahren zu sein. Hätte ich doch all diese Spontangedanken wunderbar in der Bahn im oft mitgeführten Büchlein notieren können :-)

Irgendwie musste ich schmunzeln, ob meiner eigenen Vorstellung, am heimischen Kachelofen auf der Ofenbank zu sitzen, ein paar Socken zu stricken oder ähnlich geartete Art of things von mir zu geben.
Ja, es hat etwas, früher sass man eben in einer geselligen Runde von Damen,  machte Handarbeiten, schnatterte, während die Welt sonst in Ordnung schien. Jedenfalls in dem Moment, in dem man die Gelegenheit hatte, heimlich mit seinem Atem das beschlagene Fenster für ein klitzekleines Guckloch frei zu bekommen, um dann den Frauen mit ihren Hauben und Handarbeitszeug bei der Arbeit zu zu schauen.

Aber heute ist das doch lange nicht mehr so. Heute stricken und handarbeiten doch schon wieder viele junge Mädchen. Der Staub, den dieses tolle Hobby hatte, ist doch schon von vielen kreativen Köpfen der heutigen Zeit verweht worden, die Spinnweben sind doch weg gefegt.
Oder sehe ich das nur so. Ist man wirklich ein so außerirdischer Mensch, nur weil man Handarbeiten macht?

Was bin ICH eigentlich für ein Mensch?
Keine Sorge, ein ganz alltäglicher. Jemand der in einem strukturiertem Alltag lebt, diese Stuktur nervt mich manchmal ein wenig, aber es geht nicht ohne.
Wer bin ich, das ausgerechnet ich die Gabe besitze, aus Fäden Dinge herzustellen, die andere Leute toll finden?
Was soll ich sagen?
Ich bin eine Mama von nun doch vier Kindern. Nein, ich wollte nie dazu gehören, nie Mama werden, keine Kinder, dafür Karriere. Meistens kommt es anders und zweitens als man denkt.
Ich fand die Vorstellung grauenhaft, zwischen all den für mich Übermüttern zu sitzen, mich über Pipi, Kacka, Breichen und andere gaaaaanz tolle Dinge aus dem Leben eines Kindes zu unterhalten. Ständig "neue" Gesprächsthemen zu finden, in denen es doch immer um das Gleiche ging.
Ich mochte nie hören, warum X schon seit seiner Geburt läuft, während y immer noch krabbelnd den Weg in den Kindergarten fand.
Nie wissen, wieviele Zähne A hatte, und wie weh das doch alles beim Stillen getan hat, während Z tatsächlich immer noch seinen Brei lutscht und das mit ganzen 4 Jahren.

Mhm.. vielleicht bin ich außergewöhnlich, anders als andere. Aber ist das nicht Jeder? Jeder ist doch anders, es wäre doch schlimm, dem wäre nicht so.

Mittlerweile sind drei meiner Kinder groß, ja wirklich groß. Die Zeit raste nur so, ich war nie ein Muttertier, ich vermied es immer zum Babyschwimmen oder ähnlichen Veranstaltungen zu gehen.
Aber ich stürzte mich wie alle anderen Mütter auch in die Aldischlacht um das 10-er Pack Regenhosen. Kind brauchts schließlich für den Kindergarten. Schön mit dem Namen versehen, damit Egon nicht zufällig die dreckverschmierte Hose MEINES Kindes anzieht.

Gelegentlich koche ich auch, das stelle man sich vor. Ja, so richtig mit Wasser aus dem Hahn und vielen Zutaten, die gerade zu den verschiedenen Jahreszeiten in unserem Garten wachsen. Ich begnüge mich also nach wie vor mit einfachen Dingen. Auch wenn ich offenbar sooo anders bin.

Aber so anders bin ich gar nicht. Oder macht es mich anders, nach 13 Jahren und dem innigsten Bewußtsein, komplett zu sein, nie wieder zu heiraten, nie wieder ein Kind zu bekommen, da drei doch reichen und Männer sowieso nichts in meinem Leben verloren haben, ja macht mich das denn sooo anders. Geheiratet hat se noch mal, nen Kind bekommen hat sie auch noch mal.. mhm.
Ich gebe zu, mit dem 4. Kind wurde der Wunsch nach noch mehr Kreativität wach, nach eigenen Werken, nach einer anderen Art, um abzuschalten.

Aber anders ist das nicht - nicht für MICH. Es ist nicht außergewöhnlich.
Ich habe wie alle anderen auch, einen Beruf gelernt, 2 x die Studienbank gedrückt, ich habe gearbeitet, gewohnt, gelebt, war mal krank (ja darüber wollte ich mal ein Buch schreiben... tztzt) und habe ansonsten alle Dinge gemacht, die andere auch machen.

Ich war verliebt, verlobt, verheiratet. Naja, mittleres stimmt nicht, denn verlobt war ich nie. Entweder ganz oder gar nicht ! War das jetzt das Andere?
Und ja ich renne in Jeans und manchmal auch Schlabberpulli, fühle mich in einer adretten Abendgarderobe aber auch nicht unwohl.
Ich kann reden wir mir der Schnabel gewachsen ist, der ist nämlich am rechten Fleck, kann aber auch mal eben diesen halten, wenn es angebracht ist.
Ich bin ein Wirbelwind, muss immer etwas zu tun haben, kann aber auch wirklich mal alle Viere von mir strecken und gar nichts tun.
Letzteres wird durch meine Familie des öfteren erschwert, die ohnehin nicht glauben, dass auch ich auf dieser Welt bin, um auch mal auszuspannen.
Ja ich renne für meine Familie, backe den Lieblingskuchen, stehe stundenlang in der Küche für das Lieblingsmenue, ich kann so ziemlich alles kochen, auch das habe ich mir selber beigebracht, ich wasche auch das soeben vom klatschnaß geschwitzten Körper gezogene T-Shirt meines Juniors. Ja auch gleich, schließlich hat das Kind doch nur ein T-Shirt, DAS muss es sein, DASS muss in einer Stunde wieder figurbetont auf dem Astralkörper sitzen, eitel ist er ja nicht.

Ich übrigens auch nicht. Es gibt Tage, da schminke ich mich nicht mal, weder ab, noch überhaupt :-)
Ja ich gehöre zu den Frauen, die auch ungeschminkt einkaufen fahren können, ohne das Engel und Teufelchen sich auf der Fahrt zum Discounter (siehe Regenhosenschlacht) darum prügeln, wer denn nun Recht behält, ob des Stylings.
Und ja, ich sitze nicht 4 Mal die Woche beim Friseur, denn ein Pferdeschwanz tut es auch. Außerdem kann ich mir die "Gala" auch selber kaufen :-)

Ich wollte mal ein Kinderbuch schreiben. WOLLTE, denn bislang blieb der Wunsch Vater des Gedanken. Ach ich wollte so viel. Aber ich habe ja auch noch Zeit.
Denn wenn man für Handarbeiten auch wenigstens im karierten Faltenrock und weißem Rüschenblusenalter angekommen ist, zähle ich mich mit 42 handarbeitenden Lenzen nicht zum Alteisen :-)

Eine Antwort auf die Frage, wie anders muss man sein für dieses Hobby, habe ich nicht bekommen, aber einen kleinen Einblick in das Leben einer Anderen wollte ich doch mal gewähren.
Denn eins weiß ich - anders ist wirklich anders :-)

In diesem Sinne wünsche ich allen noch einen schönen Tag, Eure Julia, die jetzt wieder handarbeitet!